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GESELLSCHAFT

Tierschutzvereine: Wirklich Rettung in der Not?

Ein geretteter Vierbeiner sucht ein Zuhause.
[Foto: pixabay]

14.02.2020 13:59 - Jacqueline Brinkwirth

Tierschutzvereine wie Viva La Hund, Notpfote oder Herztier vermitteln Hunde in Not aus ganz Europa an Adoptant*innen in Deutschland. Eine Vermittlung bedeutet für die Tiere oft die letzte Chance auf ein glückliches Leben. Doch agieren Tierschutzvereine wirklich immer im besten Sinne der Tiere?

Ob als Welpe von Züchter*innen, Hund aus dem Tierheim oder geretteter Vierbeiner aus dem Ausland – die Adoption eines Hundes kann ganz unterschiedlich aussehen, ebenso wie die Lebenssituation der Tiere, die adoptiert werden. „Viele Menschen nehmen lieber einen Hund aus dem Tierschutz auf als im Tierheim um die Ecke oder beim Züchter zu schauen“, erzählt Sabine*. Sie hat über zehn Jahre lang ehrenamtlich die Vermittlungen eines bekannten deutschen Tierschutzvereins betreut. „Tierschutzvereine vermitteln Tiere, die meist im Ausland gerettet werden, weil sie auf der Straße leben oder aus Tötungsstationen befreit wurden. “ Eine Adoption nach Deutschland ist in vielen Fällen die einzige Chance auf ein gesundes Leben in einem liebevollen Zuhause. 

Der Adoptionsprozess

Die Vereine kümmern sich deswegen um die Rettung im Ausland, die vorübergehende Unterbringung in einem Tierheim vor Ort und die medizinische Versorgung der Tiere. Die Vermittlung findet vorwiegend über das Internet statt. So wurde auch Inessa* auf ihren Hund aufmerksam: „Ich habe Momo* auf Facebook entdeckt und mich sofort verliebt. Schon als Kind wollte ich immer einen Hund haben.“ Sie entscheidet sich, Kontakt zum Tierschutzverein aufzunehmen.

„In einem langen Telefonat habe ich mit einer Mitarbeiterin erstmal über mich, meine Lebensumstände und meine Wohnsituation gesprochen und sollte erklären, warum ich einen Hund adoptieren möchte“, berichtet sie. Vorgespräche wie dieses gehören zum Standardprozedere jeder Adoption über seriöse Tierschutzvereine, schildert Sabine. „Die Vereine müssen sich rückversichern, dass die Lebensumstände die Haltung eines Tieres erlauben und der finanzielle Rückhalt da ist, um ein Tier zu versorgen. Wenn ein Verein kein Vorgespräch führt, sollte man als Interessent auf jeden Fall stutzig werden.“ 

Meist folgt danach die Überprüfung der Wohnsituation in Form eines Hausbesuchs. Falls das Tier schon in eine deutsche Pflegestelle überführt wurde, bieten einige Vereine auch ein unverbindliches Kennenlernen von Hund und potentiellen Halter*innen an. Inessa wird zuhause besucht, lernt Momo jedoch vorab nicht kennen. Sie entscheidet sich dennoch für die Adoption. Bereits drei Wochen nach dem Hausbesuch wird Momo nach Deutschland gebracht. 

Vermittlungen nach Quote

Als Inessa ihn zum ersten Mal live sieht, ist sie zunächst überrascht. „Klar, der Hund hatte Ähnlichkeit mit den Fotos und der Beschreibung, die ich vorab bekommen hatte. Aber er war deutlich größer und kräftiger“, sagt sie. Die Freude habe ihre Zweifel erstmal überstrahlt, aber nie ganz ausgeräumt. Dass Tierschutzvereine absichtlich falsche Angaben machen, hat Sabine bislang nicht erlebt. „Die Daten kommen von den Pflegestellen aus dem Ausland. Das läuft auf Vertrauensbasis, die wenigsten Angaben werden vor Ort überprüft. Die Vereine formulieren daraus dann die Beschreibungen der Tiere – natürlich so positiv wie möglich“, meint sie. 

Für Inessa rücken in den Wochen nach der Adoption andere Probleme in den Vordergrund. Obwohl Momo sich schnell einlebt und zuhause verschmust ist, reagiert er bei Spaziergängen aggressiv auf andere Hunde, kann nicht alleine bleiben und hört selten auf Inessas Befehle – ein Widerspruch zu seiner Beschreibung als „sozial, treu und liebevoll“. Inessa beginnt zu zweifeln, ob sie und Momo wirklich zusammenpassen: „Jede Gassi-Runde war eine Tortur, weil er sich gegen die Leine gewehrt hat und auf andere Hunde losgegangen ist. Ich war damit absolut überfordert.“ Der Tierschutzverein ist in dieser Zeit zwar ansprechbar, schiebt die Probleme aber auf die Eingewöhnungszeit. Im spanischen Tierheim habe er sich schließlich immer gut mit anderen Hunden verstanden.

„Einige Vereine vermitteln so viele Tiere wie möglich in möglichst kurzer Zeit.“

 

Sabine kennt solche Situationen gut. Allzu oft würden weder Interessent*innen noch Tiere vor der Vermittlung genau genug geprüft. „Einige Vereine vermitteln nach Quote, also so viele Tiere wie möglich in möglichst kurzer Zeit. Da bleibt keine Zeit zu schauen, ob ein Halter für ein Tier wirklich geeignet ist und umgekehrt“, erzählt sie. Pro Vermittlung winkt eine sogenannte Schutzgebühr zwischen 200 und 400 Euro. Eine hohe Vermittlungsquote sichert somit die Arbeit der Vereine finanziell besser ab. Auch bei Rasse, Verhaltensweisen und Charakter der Tiere würde meist nur unzureichend nachgeforscht. „Dann steht im Hundepass vielleicht Mischling und am Ende hat man einen reinrassigen Listenhund zu Hause sitzen.“ 

Wenn Hund und Halter*in nicht zusammenpassen

Obwohl die Rassenzugehörigkeit allgemein keine genaue Voraussage von Verhaltensweisen ist, können daraus informierte Vermutungen über das Wesen eines Hundes abgeleitet werden. Inessas Labradormischling Momo sollte das bestätigen. „Seine Größe, das Revierverhalten und sein Körperbau waren einem Labbi einfach null ähnlich. Deshalb habe ich beim Tierarzt einen DNA-Test machen lassen“, erzählt sie. Das Ergebnis: Momo ist überwiegend Mallorca-Schäferhund und nur zu einem geringen Anteil Labrador Retriever. „Ich war erstmal baff, aber auch erleichtert. Einige Verhaltensweisen haben plötzlich viel mehr Sinn gemacht.“ Sie versucht es mit Übungen, engagiert eine Hundetrainerin, doch Momos Erziehung ist zeitintensiv und teuer. 

Nach zwei Monaten entscheidet sie sich, Momo an den Tierschutzverein zurückzugeben: „Für mich war das die allerschwerste Entscheidung. Aber ich konnte ihm einfach nicht das Zuhause bieten, dass er braucht und verdient hat.“ Wäre die Entscheidung anders ausgefallen, wenn sie vom Tierschutzverein besser informiert worden wäre? „Wenn ich gewusst hätte, was ich heute weiß, hätte ich ihn gar nicht erst adoptiert“, gibt sie zu. Die Verantwortung sieht sie vor allem beim Tierschutzverein. So betrachtet es auch Sabine. „Die Vereine handeln immer zum Wohle des Tieres oder sollten das zumindest, aber dafür braucht man Zeit und Geld“, konstatiert sie. Tierschutz und Tierwohl seien nicht immer synonym verwendbar. Menschen, die einen Hund aus dem Tierschutz adoptieren möchten, rät sie: „Räumt vorher jede noch so kleine Frage und Unklarheit aus und überprüft die Erfahrungen, die Andere mit einem Verein gemacht haben. Eine gesunde Portion Bauchgefühl schadet übrigens auch nicht.“

*Namen von der Redaktion geändert

Bildquelle: Lizenzfreies Bildmaterial von pixabay

/Beyond Borders/

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