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GESELLSCHAFT

Activision Blizzard: Geld macht Helden mundtot

Eine Gruppe Protestierender in Hongkong

[Foto: Studio Incendo, CC BY 4.0]

01.11.2019 15:28 - Erik Körner

„Die Welt kann immer mehr Helden gebrauchen.“ Mit dieser Phrase bewirbt das Videospielstudio Activision Blizzard ihren Titel Overwatch. Doch sobald sich Leute für die Unabhängigkeit ihres Landes aussprechen, scheint Geld lauter als Ideale zu sprechen.

Die akduell hat im Rahmen dieses Artikels ein Interview mit Ostasienwissenschaftler Dr. David O’Brien von der Ruhr-Universität Bochum über das politische Klima in China und Hongkong geführt. Wir empfehlen das zusätzliche Lesen dieses Interviews zum vollen Verständnis des folgenden Artikels.

„Befreit Hongkong, die Revolution unserer Zeit“ rief Chung Ng Wai, besser als „blitzchung“ bekannt, während eines Interviews nach einem Turnierspiel in die Kamera. Wai stammt aus Hongkong und ist ein professioneller Spieler des digitalen Kartenspiels Hearthstone. Activision Blizzard, Entwickler und Vertreiber des Spiels, bestrafte Wai kurze Zeit später für seine Aussage.

Sie disqualifizierten Wai vom aktuellen Turnier, dem Grandmasters Official, und verboten ihm, bis Oktober 2020 an offiziellen Hearthstone-Turnieren teilzunehmen. Außerdem entzog Activision Blizzard Wai das Preisgeld in Höhe von 10.000 US-Dollar. Beide Interviewer Wais wurden von Blizzard entlassen – obwohl blitzchungs Aussage außerhalb ihrer Kontrolle lag.

Die Fachpresse sowie zahllose Spieler*innen werfen Activision Blizzard vor, aus Angst vor negativen finanziellen Konsequenzen seitens Chinas gehandelt zu haben. Tencent, das zweitgrößte Unternehmen Chinas, besitzt einen fünfprozentigen Anteil an Activision Blizzard. Ferner halten sie Anteile des chinesischen Livestreaming-Unternehmen Huya Inc. sowie der chinesischen Livestreaming-Plattform BiliBili Inc.

Tencent hat insgesamt circa 800 Millionen US-Dollar in beide Unternehmen investiert. Huya sind die Besitzer des Esports-Teams Chengdu Hunters, BiliBili von Hangzhou Spark. Beide Teams spielen in der Overwatch League, einem Esports-Franchise Activision Blizzards. China übt also zumindest einen beachtlichen wirtschaftlichen Einfluss auf das Studio aus. Darüber hinaus sind die momentan in Hongkong stattfindenden Proteste  – und somit Wais Statement – ein Dorn im Auge der chinesischen Regierung. Aber warum?

Der Wunsch nach Freiheit

So wie Wai fühlen sich zahllose Bürger*innen Hongkongs in ihrer politischen Unabhängigkeit von China eingeschränkt. Seit dem 31. März 2019 finden dort regelmäßig Demonstrationen beziehungsweise Proteste statt. Deren Auslöser war die „Novelle zum Gesetz für flüchtige Straftäter und Rechtshilfen in Strafsachen“, die von der Regierung Hongkongs im Februar diesen Jahres vorgeschlagen wurde. Das Gesetz hätte die Regierung Hongkongs bemächtigt, Anfragen für die Auslieferung von verdächtigten Straftäter*innen zu berücksichtigen, auch wenn diese Anfragen aus Ländern kämen, mit denen Hongkong keinen Auslieferungsvertrag hat.

Hongkong

Hongkong war von 1843 bis 1997 eine britische Kolonie. Der damalige chinesische Präsident Deng Xiaoping entwickelte im Jahr 1984 die Doktrin „Ein Land, Zwei Systeme“. Die Doktrin ebnete den Weg für die „chinesisch-britische gemeinsame Erklärung zu Hongkong“, die noch im selben Jahr von beiden Staaten unterzeichnet wurde. Laut dieser Erklärung solle Hongkong wieder Teil Chinas werden, dürfe dafür aber politisch unabhängig von der Volksrepublik bleiben. Die zugesicherte Autonomie wird bis 2047 anhalten. Seit der Eingliederung ist der offizielle Name Hongkongs „Sonderverwaltungszone Hongkong der Volksrepublik China“.

Zu diesen Ländern gehören Taiwan, Macau und das chinesische Festland. Das heißt: Menschen, die in einem dieser Länder für ein Verbrechen gesucht werden und sich derzeit in Hongkong befinden, könnten von Hongkong an diese Länder ausgeliefert werden. Das Auslieferungsgesetz hätte zwar die meisten Bürger*innen Hongkongs nicht betroffen, wohl aber impliziert, dass Hongkong künftig nicht davor zurückscheuen würde, sich China politisch weiter anzunähern.

Am 15. Juni verkündete Hongkongs Regierungschefin Carrie Lam den Rückzug des Gesetzentwurfs auf unbestimmte Zeit. Eine temporäre Lösung reichte den Protestierenden nicht, weswegen sie am darauffolgenden Tag erneut auf die Straße gingen.

Dort forderten sie – neben dem endgültigen Rückzug des Gesetzentwurfs –, dass der Protestmarsch am 12. Juni, bei dem es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Protestierenden und der Polizei kam, nicht länger als Krawalle eingestuft wird. Außerdem verlangten die Protestierenden die Freilassung aller inhaftierten Demonstrant*innen, eine unabhängige Untersuchungskommission für die Rechtmäßigkeit des Vorgehens der Hongkonger Polizei sowie ein allgemeines Wahlrecht für den Legislativrat und das Amt des*r Regierungschefs*in. Spätere Proteste richteten sich obendrein gegen das am 4. Oktober von der Regierung ausgesprochene Vermummungsverbot, das auch Atemschutzmasken betrifft.

Das Wahlrecht war schon vor zwei Jahren Grund für Unruhen in Hongkong. Regierungschefin Carrie Lam wurde 2017 von einem Peking-nahen Wahlkomitee mit überwältigender Mehrheit gewählt. Gemessen an Pekings Interesse an Lam als politisches Haupt der Sonderverwalungszone ist nicht auszuschließen, dass auch China an dem Auslieferungsgesetz interessiert war.

Die Bürger*innen Hongkongs beklagten sich über die mangelnde Wahlfreiheit. Noch während der Abstimmung kam es zu Protesten. Zumal Lam als Siegerin verkündet wurde, bevor die Auszählung der Stimmen abgeschlossen war.

Lam verkündete am 4. September, dass der Gesetzentwurf endgültig zurückgezogen werden sollte, was am 23. Oktober offiziell passierte. Die zunehmend gewaltvolleren Proteste halten trotzdem weiterhin an. Noch hat die Regierung Hongkongs keine der Forderung erfüllt.

Keine politische Motivation

Activision Blizzard betonen in einem Blogpost, sie hätten lediglich gemäß des Regelwerks des Grandmaster Officials agiert. Laut Regel 6.1 werden Spieler*innen „vom Grandmasters Turnier disqualifiziert“ und „ihr Preisgeld auf Null Dollar reduziert“, wenn sie „Handlungen begehen, die [die Spieler*innen] in öffentlichen Verruf bringen, eine Person oder Personengruppe beleidigen oder das Image Blizzards beschädigen.“

In der Vergangenheit fielen einige Spieler der Overwatch League durch homophobe und diskriminierende Kommentare auf. Ihnen wurden lediglich temporäre Spielverbote und Geldstrafen auferlegt. Inwiefern Activision Blizzard in Wais Fall im Sinne der Integrität ihres Sports anstatt aus finanziellem Interesse gehandelt hat, ist fragwürdig.
Mittlerweile hat Activision Blizzard die Strafe gemildert. Wai darf sein Preisgeld behalten und künftig wieder an Grandmaster Official-Spielen teilnehmen. Sein zwölfmonatiger Bann wurde auf sechs Monate reduziert.

Wai hat sich daraufhin in einem Twitlonger-Post zu seiner Situation geäußert: „Ich bin Blizzard für die Strafmilderung dankbar. Ich wusste: Mein Handeln würde negative Konsequenzen bedeuten und vom eigentlichen Sinn der Veranstaltung ablenken.“ Allerdings scheint er nicht vollständig zufrieden zu sein: „Ich wünsche mir, Blizzard würde nochmal über die Entlassung der zwei Caster nachdenken.“ Seinen Post beendete der professionelle Spieler mit einer emotionalen Nachricht: „Hearthstone hat mein Leben verändert. Ich liebe diese Community wirklich. Mögen alle Spieler und Blizzard gesegnet sein.“

„Activision Blizzard profitiert von dem ständig wachsenden Esports-Markt in China sowie von Investments von Tencent“

Doch der PR-Schaden war angerichtet. Zahllose Spieler*innen haben auf Social-Media-Plattformen wie Twitter oder Reddit verkündet, sie würden Blizzard-Spiele von ihren PCs deinstallieren oder ihre Abonnements von Blizzard-Titeln wie World of Warcraft kündigen.

Des Weiteren haben einige Künstler*innen Illustrationen des Overwatch-Charakters Mei-Ling Zhou, eine chinesische Klimaforscherin, angefertigt. Sie zeigen Mei als Unterstützerin der Proteste.

Häufig trägt sie in den Zeichnungen eine Maske, einen Regenschirm oder eine Hongkong-Flagge. Eine Anspielung auf das Vermummungsverbot sowie die Regenschirm-Bewegung, die im Jahr 2014 in Hongkong unter anderem für Demokratie und freie Wahlen demonstrierte. Bis 2019 war die Regenschirm-Bewegung die größte Protestaktion, die jemals in Hongkong stattfand.

 

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Die Klimaforscherin Mei-Ling Zhou in voller Protestmontur.
[Credits: Wenqing Yan (@Yuumei_Art auf Twitter, Fish-IP auf Reddit]

 

Die US-amerikanischen Senator*innen beziehungsweise Kongressmitglieder Alexandria Ocasio-Cortez, Marco Rubio, Ron Wyden, Tom Malinowski und Mike Gallagher haben einen Brief an Activision Blizzard verfasst, der scharfe Kritik enthielt. „Activision Blizzard profitiert von dem ständig wachsenden Esports-Markt in China sowie von Investments von Tencent, einer der größten chinesischen Technologiefirmen. Sowohl Sie als auch ihr Unternehmen sollten zweifelsohne wissen, dass die chinesische Regierung die Größe und Kraft ihrer Wirtschaft nutzt, um Meinungen zu unterdrücken, mit denen sie widerspricht“, so eine Passage aus dem Schreiben.

Derzeit blickt die Videospielwelt gebannt in Richtung BlizzCon, eine jährlich von Activision Blizzard organisierte Convention, die dieses Jahr vom 1. bis  2. November in Anaheim, Kalifornien stattfindet. Denn zumindest eines ist sicher: Die anwesenden Unterstützer*innen blitzchungs und Hongkongs werden das Unternehmen nicht vergessen lassen, welchen Feind sie sich geschaffen haben.

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