Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

700 Kilometer entfernt von Bihać

Danny* hat es in die Schweiz geschafft.

[Fotos: Sitara Thalia Ambrosio / Iván Furlan Cano]
[Text: Iván Furlan Cano]

09.10.2021 17:17 - Gastautor*in

Monatelang saß Danny* in Bihać, einer bosnischen Stadt nahe der kroatischen Grenze, fest. Von dort aus versuchte er zigmal, die EU-Außengrenze zu überqueren, um in der EU Asyl zu beantragen. Über die erste Begegnung mit Danny in Bihać berichtete unser Gastautor im März. Mittlerweile ist Danny der gefährliche Weg in die EU gelungen und lebt in der Schweiz.

Im leichten Nieselregen läuft Danny grinsend die Straße herauf, seine Haare sind frisch geschnitten. Rechts und links säumen Mehrfamilienhäuser mit Balkonen das Bild, in der Ferne kann man hinter ihm die Berge erkennen. Von weitem kommt ein energisches „Grüezi, wie geht’s?“. Danny lacht. Er hat ein weißes T-Shirt an, auf dem Rücken trägt er einen Turnbeutel der portugiesischen Nationalmannschaft. Er sieht erholt und glücklich aus. Unser letztes Treffen liegt ein halbes Jahr zurück, im 700 Kilometer entfernten Bihać.

Ein Ort, an dem sich seit Anfang 2016, seit den Grenzschließungen auf der sogenannten Balkanroute, tausende Geflüchtete unfreiwillig sammeln - so auch Danny. Damals lebte der 18-jährige Afghane dort in einer Bauruine, 5 Kilometer entfernt von der bosnisch-kroatischen Grenze. Mit sieben weiteren Personen teilte er sich ein Zimmer ohne Türen, Fenster, Strom und Wasser. Im Februar war Danny bereits seit über einem Jahr auf der Flucht. Den Weg nach Europa schafft er erst vor wenigen Monaten - nach dutzenden Versuchen.

Neuanfang in der Schweiz

Wir treffen ihn in der Schweiz, in einer kleinen Gemeinde zwischen der Schweizer Hauptstadt Bern und Basel, in der er mittlerweile wohnt. Hier teilt er sich eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus mit fünf weiteren Personen, die meisten ebenfalls aus Afghanistan. Einige waren wie er in Bihać, erzählt Danny. Es gibt eine Küche, einen Balkon, ein Wohnzimmer und drei Schlafzimmer, die sich jeweils zwei Personen teilen. Neben der afghanischen Flagge an der Wand sind selbstgeschriebene Zettel mit Deutsch-Vokabeln die einzigen Gegenstände, welche die leicht vergilbten Wände verzieren.

Sie nennen es „das Spiel”

Die Journalist:innen Sitara Thalia Ambrosio und Iván Furlan Cano begleiteten Geflüchtete an der EU-Außengrenze in Bosnien.
 

Besuch ist offiziell, wenn auch zeitlich begrenzt, erlaubt, jedoch nicht gerne gesehen - zumindest in unserem Fall. Bei Menschen ohne migrantischen Background sei die Unterkunftsleitung immer misstrauisch. Einige seiner Mitbewohner wohnen hier schon mehrere Jahre, manche sind nur selten da, weil sie in anderen Städten arbeiten. Er ist als letzter hier eingezogen - vor rund drei Wochen. Bleiben darf er in dieser Wohnung für fünf Jahre.

Stolz zeigt er uns seinen neuen Ausweis. Einen „Ausweis für vorläufig aufgenommene Ausländer“, mit einem großen „F“ auf der blauen Hülle. Der Buchstabe steht für die sogenannte „Aufenthaltsbewilligung F“, eine vorläufige Aufnahme die ausgestellt wird, wenn eine Ausweisung „als unzulässig, unzumutbar oder unmöglich“ gilt. Dieser wird alle 12 Monate überprüft und gegebenenfalls verlängert.

Als Ende August die Taliban in Afghanistan die Macht übernehmen, ist Danny bereits in der Schweiz. Seitdem ist der Kontakt zu seiner Familie abgebrochen, lediglich zu einem Verwandten in einer größeren Stadt gibt es sporadischen Kontakt. Nur durch ihn weiß er, dass es seiner Familie gut geht. Trotz der Situation in seinem Heimatland ist sein Antrag auf Asyl noch immer nicht genehmigt.

Eine gefährliche Reise

Bosnien und Herzegowina verlässt er Ende April diesen Jahres zum letzten Mal. Er bricht gemeinsam mit ungefähr 70 weiteren Personen in Richtung Italien auf. Der wievielte Versuch es ist, weiß er nicht mehr genau. Über 30 sind es zu diesem Zeitpunkt aber sicherlich. „Erinnerst du dich an den Berg über den wir gegangen sind, als ihr da wart? Diesmal haben wir einen noch höheren überquert“, erzählt er.

Gemeint ist eine Bergkette an der Grenze zu Kroatien, welche die Menschen auf dem Weg in die Europäische Union fernab befestigter Wege überqueren müssen. Grund dafür seien die vielen Kontrollen durch die kroatischen Behörden auf der eigentlichen Route. Deshalb seien sie auf einen noch kräftezehrenderen Weg ausgewichen.

Nach einigen Tagen habe es angefangen zu regnen, Schlafsäcke, Schuhe und Kleidung seien durchnässt gewesen, die Route quer durch die kroatischen und slowenischen Wälder kaum noch begehbar. Ein Teil der Gruppe habe abgebrochen, sie seien in Richtung der Autobahnen gelaufen, um von der kroatischen Polizei gefunden zu werden, weil sie erschöpft waren, schildert Danny die Situation. Er läuft weiter und erreicht nach 13 Tagen mit der restlichen Gruppe im Schutz der Nacht die slowenisch- italienische Grenze und somit die italienische Grenzstadt Triest.

Sein Ziel ist zu diesem Zeitpunkt die Schweiz, dort seien seine Chancen auf Asyl am höchsten, wenn er vorher nicht in einem anderen EU-Land kontrolliert und registriert wird. Von Mailand aus nimmt er den Zug, überquert die Grenze zur Schweiz und gelangt nach insgesamt drei weiteren Tagen das sogenannte Bundesasylzentrum in Basel, in welchem er seinen Asylantrag stellt.

5 Orte in 5 Monaten

Bevor er in die kleine Gemeinde nördlich von Bern kommt, durchläuft er eine Odyssee der Asylpolitik. Von Basel geht es für ihn in Geflüchteten Unterkünfte nach Zürich, kurz nach Luzern, dann wieder nach Basel. Fünf Orte durchläuft er in 5 Monaten. In dieser Zeit versucht er mit Hilfe von YouTube-Videos, sich selbst Deutsch beizubringen. Durch die Corona-Pandemie werden Deutschkurse nicht angeboten oder sind teilweise überfüllt und er muss warten, erzählt Danny. Die Aufenthaltsbewilligung erlaubt es ihm, zu arbeiten. Aber „sprichst du kein Deutsch, nehmen sie dich nicht in einem richtigen Job“, erzählt einer seiner Mitbewohner. Danny bestätigt das. Auch deshalb hat er sich entschieden, erst einmal weiter in die Schule zu gehen. Dafür musste er zwei Sprachtests machen - beide hat er bestanden. Ab Oktober darf er in die Schule gehen, mit dem Ziel, danach eine Ausbildung zum Lokführer zu machen.

Seit er in der neuen Unterkunft lebt, darf er sich, zumindest innerhalb der Schweiz, frei bewegen. In den Erstaufnahmezentren und Unterkünften, die er zuvor durchlaufen hat, gab es strenge Regeln für das Verlassen und Betreten der Unterkunft. Nur zwischen 9 Uhr und 17 Uhr war es ihm erlaubt, sich außerhalb der Camps aufzuhalten. Jetzt nutzt er die Zeit, um seine Freunde in anderen Städten zu besuchen. Bern, Basel und Zürich sind nicht weit weg und mit einem Tagesausflug zu erreichen. Ohne den stetigen Druck, aus Bihać wegzukommen und einen sicheren Ort zu erreichen, kann sich Danny nach rund eineinhalb Jahren Flucht endlich auch wieder auf die schönen Dinge im Leben konzentrieren.

Mit Qudrat und Naseebullah, die beide mit ihm in Bihać waren, sitzt er auf einem Berg über der Stadt Bern. Lachend schauen sie in die Kamera von Dannys Handy, als er ein Selfie macht. Die Erschöpfung, die ihnen in Bosnien ins Gesicht geschrieben war, scheint ein bisschen zu verschwinden. Vor ihnen stehen Energydrinks und Kekse auf dem Tisch. Sie machen all die Dinge, die Jugendliche in ihren Sommerferien auch machen: Fußball spielen, Schwimmen gehen, sich die Zeit in der Stadt vertreiben.

Trotz alledem trügt der Schein von Sicherheit und Ruhe. Auch wenn die Schweiz, so wie viele andere Länder, Abschiebungen nach Afghanistan ausgesetzt haben, bleibt die Unsicherheit. In seinem Umfeld werden Personen weiterhin aufgrund der Dublin-Verordnung in andere Länder abgeschoben und afghanische Staatsbürger:innen trotz der Situation in ihrem Heimatland nur vorläufig aufgenommen, ohne eine dauerhafte Perspektive. Auch eine Ausbildung und eine eigene Wohnung sind noch ein weiter, steiniger Weg.

*Danny’s echter Name liegt vor. Aus Sicherheitsgründen wurde der Name für die Reportage geändert.

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