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CAMPUS

Wie Meditation gegen Stress im Studium hilft

Stefanie Preiß gestaltet die Meditation in ihrem Kurs mit Klangschalen.

[Foto: Lara Wantia]

16.11.2021 15:58 - Lara Wantia

Für Klausuren lernen, die Vorlesungen nachbereiten und den Nebenjob unterbringen: Stress im Studium kennen viele junge Menschen. Durch Meditationen sollen sie mit diesem Stress besser umgehen können. An vielen Hochschulen gibt es deshalb Meditationskurse. Wie laufen solche Kurse ab? Und was müssen Studierende beachten, damit Meditieren bei Stress funktioniert?

Der Raum wirkt nicht wie ein Ort, an dem Tutor:innen sonst Statistik oder Mathematik erklären könnten. Durch das warme, gedimmte Licht fällt nicht auf, dass es sich um einen ganz normalen Seminarraum handelt. Etwa 15 Leute liegen im Raum verteilt auf den Tischen oder auf dem Boden. Sie haben Matten, Kissen und Decken mitgebracht, manche von ihnen einen Schlafsack.

Stefanie Preiß positioniert bronzefarbene Klangschalen in verschiedenen Größen auf einem Tuch auf dem Tisch vorne im Raum. Sie legt kleine, mit Stoff umhüllte Hammer daneben, wie viele sie aus dem Musikunterricht kennen. Preiß schlägt die Klangschalen an, nacheinander, alle paar Sekunden, immer wieder. Deren Töne verbinden sich zu einem Ton, er flirrt durch den Raum und verklingt langsam.

In diesem Raum an der Technischen Universität (TU) in Dortmund hält Stefanie Preiß einen Meditationskurs. Solche Angebote gibt es an vielen Hochschulen. An manchen, wie in Dortmund, gehören sie zum Hochschulsport, an anderen zur psychologischen Beratung. Die Kurse sind meistens schnell ausgebucht, viele Studierende stehen auf der Warteliste. Die Meditation soll dabei helfen, Stress im Studium zu verringern und besser damit umgehen zu können.

Zu hohe Herausforderungen verursachen Stress

 

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Studierende gehören zu den Hochrisikogruppen, die unter Dauerstress leiden, sagt Nils Altner. Der Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler arbeitet am Institut für Achtsamkeit und forscht an der Universität Duisburg-Essen (UDE) zu den Themen Meditation und Achtsamkeit. Laut Altner fordern stressige Ereignisse unsere körperlichen Regulationsfähigkeiten heraus. Ursprünglich entstand dies durch Bedrohungen aus der Umwelt. Ein negativ behafteter Begriff. Altner formuliert Stress deshalb neutraler als Herausforderung. „Wir aktivieren wir Ressourcen, das Herz schlägt schneller, Adrenalin fließt, Kortisol fließt“, sagt Altner. „Wenn es gut geht, bewältigen wir die Herausforderung. Irgendwann ist die Bewältigungsphase vorbei und wir erholen uns wieder. Die Physiologie fährt herunter auf einen Normalzustand, bis die nächste Herausforderung kommt.“

Etwas anders definiert Altner Stress in der Alltagssprache: „Wir sprechen vor allem von Stress, wenn wir uns überfordert fühlen. Wenn wir das Gefühl haben, dass die Regulationsfähigkeit und die Anforderungen nicht im Gleichgewicht sind. Wir haben mehr oder zu hohe Herausforderungen auf der Agenda, als dass wir sie gesund bewältigen können.“

Stress ist wie ein „großes Durcheinander“

Im Meditationskurs an der TU Dortmund versetzt Stefanie Preiß die Studierenden in konkrete, stressige Situationen. Denn unter Stress können Studierende nicht mehr richtig denken, sagt Preiß. Im Kurs sollen die Studierenden die Basis dafür lernen, solche Situationen später selbst bewältigen zu können.

„Du siehst dich mit einer Mappe in der einen Hand und deinem Mobiltelefon in der anderen. Du läufst in deinem Zimmer auf und ab. Du scheinst sehr nervös und unruhig zu sein“, beschreibt Preiß mit ruhiger Stimme. „Erinnere dich an das Gefühl des Gestresst-Seins und der Überforderung. Vielleicht fühlt es sich an wie ein großes Durcheinander. Verlangst du gerade sehr viel von dir? Lastet eine große Verantwortung auf dir?“, fragt sie.

Niemand bewegt sich. Es scheint, als würde es einen unfassbaren Lärm verursachen, wenn jemand nur einen kleinen Finger bewegen würde. So still ist es im Raum. Preiß schlägt wieder die Klangschalen an. Dann lässt sie einen Hammer sanft in die Mitte eines großen, schweren Gongs gleiten. Ein tiefer, ruhiger Klang dröhnt durch den Raum. Der Ton schwebt für ein paar Sekunden in der Luft, legt sich über die Töne der Klangschalen und wie ein Schleier über den Raum.

Meditation liegt im Trend

Verschiedene Studien zeigen: Studierende fühlen sich oft gestresst. Nils Altner sieht dafür einen Hauptgrund: die Art, wie Hochschulen Wissen vermitteln. „Ein Großteil der Unis und Hochschulen behandelt Studierende wie Kinder, wo eine Autorität seitens der Lehrenden oder seitens der Prüfungsanforderungen entsteht. Und die jungen Erwachsenen sind angehalten, diese zu erfüllen.“ Altner beschreibt diese Form der Lehre als nicht zeitgemäß. Studierende würden selbst etwas beitragen und mit Dozent:innen auf Augenhöhe sein wollen.

„Ich habe an einigen Hochschulen Interviews mit Studierenden geführt und immer wieder gehört: Ich möchte nicht nur zuhören, ich möchte auch gefragt werden. Und ich glaube, dass das ein Grund für diese Unzufriedenheit und damit auch für die Belastung ist, dass wir in unserem Bildungssystem immer noch patriarchal und nicht partizipativ unterrichten.“ In den vergangenen eineinhalb Jahren sei die Corona-Krise mit wenigen sozialen Kontakten als Auslöser für Stress dazugekommen.

Meditation_App.jpgIn manchen Meditations-Apps gibt es spezielle Kurse zum Thema Stress. [Foto: Lara Wantia]

Meditation ist in den letzten Jahren zu einem Trend geworden, gerade unter jungen Leuten. Nils Altner bestätigt das. „Es hat einen gewissen Hip-Faktor. Der ist der Not geschuldet, dass wir mehr und mehr merken: So, wie wir leben, ist es nicht nachhaltig. Wir gehen nicht nur mit den Ressourcen außen in der Natur missbräuchlich um, sondern auch mit unseren inneren Ressourcen. Das spüren die jungen Leute deutlich.“

Neben Kursen vor Ort gibt es Apps zum Meditieren. Einige Hochschulen kooperieren mit Apps wie 7Mind. Dazu gehört auch die UDE. Im „Grundlagenkurs Ankommen“ leitet ein Gong die erste Meditation ein. Eine tiefe, ruhige Männerstimme beginnt, zu sprechen. „Nimm wahr, wie deine Wirbelsäule deinen ganzen Oberkörper hält. Dabei kannst du sicher spüren, wie deine Wirbelsäule ganz leicht mit dem Atem schwingt“, sagt sie. „Vielleicht spürst du, dass du inzwischen schon ein wenig ruhiger geworden bist. Möglicherweise lockern sich deine Schultern ein bisschen oder du fühlst dich innerlich erleichtert oder es geschieht nichts. Vielleicht meldet sich aber auch deine innere Spannung, gerade jetzt, wenn du zur Ruhe kommst“, fährt sie nach ein paar Minuten fort. „Erlaube dir so, bei dir anzukommen. Mit jedem Atemzug ein wenig mehr.“ Der Gong ertönt wieder, dann endet die Meditation.

Meditieren ist Übungssache

Studien belegen, dass Meditation gegen Stress hilft. „Wenn Menschen Lust darauf haben, sich mit sich selbst zu beschäftigen, dann ist Meditation eine wirkungsvolle Form, aus dem Hamsterrad der Überforderung auszusteigen“, bestätigt Altner. Das würden sowohl physiologische Merkmale wie besserer Schlaf als auch psychologische Aspekte wie größeres Mitgefühl zeigen. Ein weiteres Beispiel sei das Immunsystem: Wer dauerhaft gestresst sei, sei anfälliger für Krankheiten.

Wichtig dafür sei es, regelmäßig zu meditieren und die Meditation zu üben. „Wenn Sie in einer Notsituation versuchen, etwas Neues zu lernen, scheitern Sie. Da ist keine Kapazität da, da sind Sie auf Überleben eingerichtet“, erklärt Altner. „Das heißt, Sie brauchen einen gewissen Vorlauf. Es muss ein bisschen Kraft und Kapazität übrig sein, nur dann können Sie etwas Neues lernen.“ Wer einmal an die Meditation gewohnt sei, dem könne sie in akuten Fällen helfen, zum Beispiel vor einer Prüfung.

Ob meditieren vor Ort oder mit einer App wirksamer ist, lässt sich laut Altner nicht eindeutig sagen. Einerseits hätten Apps gerade in Corona-Zeiten den Vorteil, unabhängig von Kursen in Präsenz meditieren zu können. Viele Menschen würden diese Angebote nutzen und gut damit klarkommen. Andererseits sei das Handy ein Suchtfaktor. „Mich mit einem der Haupt-Stressgeräte in meinem Leben aus dem Stress herunterzuregulieren, damit ist ein gewisses Paradox verbunden“, sagt Altner. Generell sei es wichtig, sich auf die Meditation einzulassen. Das gelte unabhängig von der Form des Meditierens. „Der entscheidende Faktor ist: Komme ich zu mir oder bleibe ich im Außen? Das kann ich im Kurs und das kann ich auch mit der App. Der wichtige Schritt ist, die Aufmerksamkeit zu mir zu bringen. Wenn das gelingt, ist der Weg dahin zweitrangig.“

Im Seminarraum an der TU Dortmund schlägt Stefanie Preiß noch einmal die Klangschalen an. Die Studierenden wirken entspannt und ausgeruht. „Stress spielt jetzt auf jeden Fall keine Rolle mehr“, sagt Maximilian Wagner. Der 23-Jährige hat den Kurs vor Beginn der Corona-Pandemie drei Semester lang belegt. „Uns hat die Routine immer gut getan, jeden Montag hierher zu kommen.“ Die Studentin, die hinter ihm sitzt, ergänzt: „Die Meditation löst den Stress auf jeden Fall.“ Ein letztes Mal hallt der Ton der Klangschalen durch den Raum, dann endet der Kurs.

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