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CAMPUS

Scheinstudierende - skrupellose Abzocker*innen?

Symbolbild: Redaktion

11.06.2018 09:44 - Redaktion

Günstige Krankenversicherung, ein Bahnticket, Studienkredit, Rabatte – und du musst nichts dafür tun. Scheinstudierende gelten als faule Abzocker*innen. Oft wird ihnen sogar Betrug vorgeworfen. Wir wollten wissen, inwiefern das wirklich zutrifft und haben mit Betroffenen und einem Experten gesprochen.

Silke* studiert aktuell Physik. Offiziell. Denn eigentlich ist sie bereits Geisteswissenschaftlerin und findet keinen Job. Vor wenigen Wochen schrieb sie sich um. „Das Ergebnis meiner Abschlussarbeit erhielt ich erst in den ersten Wochen des Sommersemesters, weshalb ich den Sozialbeitrag und das Ticket sowieso erstmal bezahlen musste”, sagt Silke. Einen Arbeitsvertrag hat sie bis dato nicht unterschrieben. Außerdem interessiert sie sich für einen Masterstudiengang, der erst wieder im kommenden Wintersemester angeboten wird. Eine Wahl hat sie nicht. Ganz ähnlich sieht das ihr Berater vom Einschreibungswesen. Fälschlicherweise hat sie sich einen Studiengang ausgesucht, der dieses Semester nicht angeboten wird. „Als mich der Berater darüber in Kenntnis setzte, stand ich schon mit einem Bein im Ausgang.” Er winkte sie zurück und bot ihr an, sich ein anderes Fach auszusuchen, damit sie ihren Status behalten kann. Irritiert nickte sie, signierte das neue Formular und verabschiedete sich freundlich.

So richtig erklären kann sich Silke seine Gelassenheit nicht. Vermutlich hat er ihre Notsituation erkannt. „Wäre ich nicht mehr eingeschrieben, würde ich meine Mobilität verlieren und müsste sehr hohe Versicherungsbeiträge bezahlen”, sagt Silke. Außerdem müsste sie ihren Job als Werkstudentin in einer Agentur kündigen und dann den nächstbesten annehmen. Darüber hinaus hat sie für ihr Studium einen Kredit aufgenommen, den sie dann anfangen müsste zurückzuzahlen. Wohl fühlt sie sich mit ihrer Entscheidung nicht: „Ich habe viel darüber gelesen und Angst, dass es rechtliche Konsequenzen für mich haben könnte.”

Gelähmt vom Leistungsdruck

Mit diesem Gedanken ist sie nicht allein. Auch Nina* zählt zu den sogenannten Scheinstudierenden und sorgt sich darum, Betrug vorgeworfen zu bekommen. Als sie vor drei Jahren beginnt, Sozialwissenschaften zu studieren, ahnt sie nicht, dass sie im vierten Semester keine einzige Lehrveranstaltung mehr besuchen würde. Sie leidet unter einer Krankheit, die man auf den ersten Blick nicht sehen kann: Depressionen. Der Auslöser: Ihr Studium. Als Arbeiter*innenkind muss sie neben Lehrveranstaltungen, Projektarbeiten und Klausurenphasen einen Nebenjob in ihren Alltag einsortieren. Und als wäre das nicht schon genug, spart sie Geld, um hohe Großstadtmieten während Praktika zu bezahlen. 

Der Leistungsdruck lähmt sie. Plötzlich ist alles anstrengend. „Zum Ende hin saß ich vor einer super einfachen Zusammenfassung und konnte nichts damit anfangen”, sagt sie. Wochenlang starrt sie den Bildschirm an, und in ihr bricht das Gefühl von Ausweglosigkeit aus. Eine Abwärtsspirale setzt ein: Schlechte Note nehmen ihr jeden Antrieb. Je öfter sie im Bett bleibt, desto schwieriger wird es am nächsten Tag, zeitig aufzustehen. Mittlerweile hat sie seit zwei Semestern keinen Credit Point mehr gesammelt.

Mehr als stur Klausuren schreiben

Auch Ben* hat über ein Jahr alle Bedingungen für einen Scheinstudenten erfüllt. Im ersten Semester merkt er schnell, dass das Jura-Studium nichts für ihn ist. „Und bevor ich dann wieder irgendwas mache, wollte ich mir sicher sein.” Er nutzt seinen Status für Praktika und besucht Vorlesungen aus anderen Studiengängen. „Zufällig habe ich angefangen, professionell Musik zu produzieren.” Heute arbeitet er für einen Kölner Radiosender. Dass er eine vorsätzliche Straftat begangen hätte, schließt er hingegen aus. Schließlich ginge es beim Studieren nicht nur darum, Module abzuarbeiten, sondern auch, sich autonom Wissen anzueignen.

Ein wichtiger Punkt, findet Christian Teipel, der als Anwalt für Hochschulrecht arbeitet. Schließlich haben Studierende fernab von besuchten Lehrveranstaltungen und Klausuren das grundlegende Recht darauf, zu studieren. Mit der abgeschafften Anwesenheitspflicht und ohne verbindliche Stundenpläne kann können sie ihren Semesterplan selbstbestimmt gestalten. „Der einzige Fall, in dem man beim Scheinstudieren nachweislich von Betrug sprechen könnte, wäre, wenn ich vorsätzlich meinen Gegenüber täusche und dieser mir eine positive Haltung unterstellt”, sagt Teipel. Übersetzt bedeutet das zum Beispiel in Silkes Fall, dass der freundliche Mann vom Einschreibungswesen angenommen haben müsste, sie wolle um jeden Preis und schon immer Physik studieren. „Deswegen ist es in der Praxis quasi unmöglich, Menschen, die zum Schein studieren, einen Betrug nachzuweisen”, sagt Teipel.

Betrug der Krankenkassen und des Studierendenwerks?

Abgesehen davon spiele ja auch die Alternativlosigkeit wie in Silkes Fall eine Rolle: „Sie kann das Physikstudium jederzeit als Wissensstudium begreifen. Denn selbst, wenn sie sich darin eher untalentiert fühlt, hat sie sich vielleicht schon immer für Phänomene wie die Gravitation, Raum und Zeit interessiert und nutzt das halbe Jahr dafür”, argumentiert Teipel. Auch Vergünstigungen bei einer Krankenkasse, Studierenden-Rabatte in der Mensa oder das NRW-Ticket einzusacken sei nur in der Theorie strafbar. „Auch hier müsste man dem Verdächtigen nachweisen können, dass er seinen Studi-Status gezielt für das Mensaessen behalten wollte”, sagt Teipel. Gebremst werden könne ein Scheinstudium nur durch zeitlich festgelegte Leistungserbringungen. „Wenn man sein Grundstudium zum Beispiel spätestens im vierten Semester erbracht haben muss, um weiter studieren zu dürfen oder weiter BAföG zu beziehen”, sagt Teipel.

Alles nur Humbug!

Rechtliche Konsequenzen haben Silke, Nina und Ben also nicht zu befürchten. Eine Exmatrikulation lässt sich ausschließen. Insbesondere die Universitäten haben kein Interesse an einer Aufdeckung, da sie ihre finanziellen Mittel vom Land pro Studierenden erhalten. Dass hier aber ein soziales Problem vorliegt, steht außer Frage. Es ist vermutlich der falsche Ansatz, Scheinstudierende zu dämonisieren und ihnen schlechte Absichten vorzuwerfen. Vielleicht sollten wir unser Alltagsverständnis zunehmend dahin ausrichten, dass Betroffene sich in einer alternativlosen Situation zurückgelassen fühlen und in nicht noch prekäreren Verhältnissen als vorher leben wollen. Eine Vision könnte sein, die Berufsberatung- und den Einstieg effizienter auszugestalten  – nur als Anregung.

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