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CAMPUS

Pluralismus in der VWL

Prof. Roos setzt sich für eine plurale VWL ein. [Foto: privat]

23.12.2021 16:26 - Özgün Ozan Karabulut

Volkswirtschaftslehre (VWL) sollte nicht einseitig gelehrt werden. So sieht es Prof. Dr. Michael Roos, Lehrstuhlinhaber für Makroökonomik an der Ruhr-Universität Bochum. Wir haben mit ihm über die Situation der VWL an den Hochschulen gesprochen und gefragt, was es mit Pluraler Ökonomik auf sich hat.

ak[due]ll: Herr Professor Roos, existiert eine allgemeingültige Definition der VWL?

Michael Roos: Die meisten Ökonomen würden sagen, dass es eine allgemeingültige Definition gibt: ‚Die VWL ist die Lehre der Knappheit.‘ Es geht um den effizienten Umgang mit knappen Gütern, das wäre eine neoklassische Definition. Viele würden das anders sehen: ‚Die VWL beschäftigt sich mit ökonomischen Zusammenhängen und Gesetzmäßigkeiten.‘ Das wäre wesentlich breiter zu verstehen als nur die Lehre der Knappheit. Dann würde auch die Frage der Entstehung von ökonomischen Strukturen und ihr Wandel oder auch das Zusammenspiel zwischen der Wirtschaft und der sozialen Welt dazu gehören. Es gibt da nicht eine einzige Definition. Je nachdem, wen Sie fragen und welcher Denkschule der jeweilige Ökonom angehört, erhalten sie eine unterschiedliche Antwort.

ak[due]ll: Worin ist die Neoklassik gut, was vernachlässigt sie?

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Roos: Die Stärke der Neoklassik ist, dass sie es geschafft hat, einen sehr eleganten mathematischen Apparat zu entwickeln, mit dem man sehr viele Fragen auf eine logisch konsistente Art und Weise untersuchen kann. Durch die mathematische Formalisierung ist sie für alle sehr gut verständlich, die diesen Apparat gelernt haben. Dadurch, dass man Optimierungsmodelle verwendet, gibt es eine einheitliche Sprache, in der sich alle Ökonomen austauschen können. Es gibt ein Modell und wenn es nicht gefällt, können wir darauf aufbauen oder eine Annahme verändern und gucken, was dabei rauskommt. Das veränderte Modell ist in derselben Logik gebaut und man schaut, ob die Ergebnisse robust sind oder nicht. Diese Stärke ist gleichzeitig auch eine Schwäche, weil sie eine sehr einseitige Sicht hat. Dadurch, dass alles aufeinander aufbaut und sehr ähnlich ist, bleibt man immer in einer ähnlichen Denkweise. Alles, was in dieser Logik nicht reinpasst, wird ausgeblendet und erscheint dann auch nicht relevant. Wenn man dann Themen hat, die aus anderen Wissenschaften wie der Psychologie oder Soziologie kommen –die vielleicht eine etwas andere Logik haben und nicht in eine Optimierungslogik reinpassen – tun sich viele Ökonomen sehr schwer damit zu akzeptieren, dass man auch anders über ökonomische Fragestellungen nachdenken könnte.

ak[due]ll: Woran liegt es, dass an den Hochschulen vorrangig die Neoklassik gelehrt wird?

Roos: Das hat verschiedene Gründe. Zum einen liegt es daran, dass viele Ökonomen gar nichts anderes kennen. Selbst die Professoren und Lehrkräfte haben vielleicht während ihrer Arbeit und Studium nichts anderes kennengelernt. Es gibt dann auch eine Reihe an neoklassischen

Ökonomen, die andere Denkschulen vielleicht für nicht so gut oder nicht so wissenschaftlich halten. Es existieren Denkschulen, die weniger anspruchsvolle Mathematik verwenden. Dann meinen viele Ökonomen, das wäre weniger wissenschaftlich, wenn die Modelle und Theorien nicht mathematisch gefasst werden können. Es fehlt auch an einer wissenschaftstheoretischen Grundausbildung: Dem Verständnis dafür, wie Wissenschaft funktioniert und dass es verschiedene Perspektiven geben kann, die alle legitim sind.

ak[due]ll: Welchen Ansatz verfolgt die Plurale Ökonomik?

Roos: Ich verstehe die Welt als komplexes, adaptives System. Wir können immer nur einen kleinen Ausschnitt dieser Welt erfassen und verstehen. Je nachdem, wie wir auf die Welt schauen, sehen wir bestimmte Dinge und andere nicht. Für mich bedeutet Plurale Ökonomik, dass wir verschiedene Perspektiven und Herangehensweisen brauchen; wir benötigen unterschiedliche Fragestellungen. Worum geht es denn, geht es jetzt um Macht oder Knappheit, geht es um Wandel oder Unsicherheit? Wir brauchen auch verschiedene Methoden. Wir können mit mathematischen Methoden viel machen und Erkenntnisse bekommen. Bei anderen Fragestellungen bedarf es vielleicht historischer Analysen, Fallstudien oder eine eher interpretierende Herangehensweise wie die Diskursanalyse aus Texten. Das brauchen wir alles gemeinsam, damit wir ein möglichst vollständiges Bild der komplexen Welt bekommen. Das wäre für mich Pluralismus. Wir brauchen nebeneinander verschiedene Denkschulen, die sich aber ergänzen müssen. Es reicht nicht, wenn die alle nur nebeneinander stehen. Sie müssen auch interagieren.

ak[due]ll: Spätestens seit der Finanzkrise ist die VWL in Kritik geraten. Braucht es eine Reform des VWL-Curriculums, um die verschiedenen Denkschulen zu ergänzen?

Roos: Ja, das glaube ich schon. Wir müssen jetzt nicht in jedem Studiengang alle Denkschulen abbilden. Das kann man vielleicht auch gar nicht. Wir hätten gar nicht genügend Leute dafür, die an jeder Universität alle diese Denkschulen abbilden. Es würde schon reichen, wenn mal zwei oder drei Denkschulen ein bisschen intensiver behandelt werden oder wenn es an jeder Universität einige Professoren gäbe, die nicht nur neoklassisch auf die Sache schauen. Es wäre auch wichtig, dass wir das in den Grundlagenveranstaltungen stärker einbauen und dort auch darüber gesprochen wird, dass es verschiedene Denkschulen gibt. Es ist wichtig, dass auch Studierende eine Auswahl bekommen. Man muss ihnen mitteilen, dass verschiedene Denkschulen vorhanden sind. Aber einfach zu ignorieren oder zu verschweigen, dass andere Denkschulen existieren, finde ich nicht gut.

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Übliche VWL-Lehrbücher wie von Mankiw und Taylor sind neoklassisch geprägt. [Foto: Özgün Ozan Karabulut]

ak[due]ll: Müssen sich VWL und Mainstream-Ökonom:innen weiterentwickeln und verschiedene Ansätze berücksichtigen, oder bleibt die Neoklassik die dominierende Denkschule?

Roos: Ich glaube schon, dass sie sich weiterentwickeln sollte. Man muss berücksichtigen, dass es ein Feedback auf die Politik gibt, sie ist nicht exogen. Ich kann als Ökonom sagen: Wir müssen eine CO2-Steuer einführen und die sollte optimalerweise einen Wert haben, zum Beispiel 60 oder 80 Euro pro Tonne CO2. Das kann ich sagen, aber das hilft nicht viel. Deswegen haben wir diese Politik noch lange nicht. Und wenn sie eingeführt wird, gibt es Reaktionen der Bevölkerung auf so eine Politik; es gibt dann Verteilungswirkungen und Lobbyismus. Die Politik reagiert auf das, was in der Wirtschaft passiert: Jetzt haben wir einen Preisauftrieb, worauf es eine Rückwirkung auf die Politik gibt.

Wenn man nicht gut kennt, was man kritisiert, ist die Kritik immer oberflächlich.

Dann gibt es Druck auf die Politik, die wiederum reagiert. Das ist auch das, was wir in unsere Analysen einbauen sollten. Das wäre eine Weiterentwicklung der VWL wieder hin zur politischen Ökonomie. Im 19. Jahrhundert war die VWL eigentlich politische Ökonomie. Dahin müssen wir wieder ein Stück zurück; in manchen Analysen wäre das hilfreich. Ob das in absehbarer Zeit kommt, weiß ich nicht. Bei den etablierten Professoren sehe ich da wenig Bewegung. Bei vielen jüngeren Doktoranden bemerke ich, dass sich das ein oder andere verändert. Die erkennen, dass sich die Neoklassik mit dem Klimawandel etwas schwer tut. Es gibt auch jüngere Studierende die kritisch sind und glauben, dass man die Neoklassik entweder ersetzen oder weiterentwickeln muss. Da habe ich Hoffnung, dass da auch was übrig bleibt und sich verändert. Allerdings muss man auch sehen, dass jemand, der heute studiert oder mit dem Doktor anfängt, vielleicht in 10 Jahren so weit ist, Professor zu sein. Für Leute, die nicht im oder nur am Rande des Mainstreams sind, ist es schwierig, Professuren oder Stellen in der Wissenschaft zu bekommen. Das macht mich eher pessimistisch, dass sich in kurzer Zeit irgendwas ändern wird.

ak[due]ll: Was empfehlen Sie Studierenden, die sich für Plurale Ökonomik interessieren und denen die Engfassung der VWL nicht gefällt?

Roos: Ich würde zwei Sachen empfehlen: Zum einen, sich trotzdem mit dem Mainstream vernünftig auseinanderzusetzen und ihn auch zu verstehen und zu studieren. Es gibt leider eine ganze Reihe von kritischen Studierenden, die sagen ‚Neoklassik gefällt mir nicht‘. Das ist in Ordnung. Aber wenn man nicht gut kennt, was man kritisiert, ist die Kritik immer oberflächlich. Das ist ein Problem, dann wird man vom Mainstream nicht ernst genommen. Das andere ist, seine Unterstützungsgruppen zu finden. Wenn man sie nicht vor Ort findet, muss man gucken, wie man sich online vernetzen kann: Wie kann man zum Beispiel Angebote des Netzwerks Plurale Ökonomik
oder vom Netzwerk ökonomische Bildung und Beratung verwenden? Studierende sollten versuchen, an der eigenen Uni aktiv zu werden. Das kann ein Lesekreis sein, man kann auf Lehrende zugehen und eine Blockveranstaltung organisieren. Das ist sehr gut, wenn dauernd an allen Unis sichtbar ist, dass es einen Bedarf für Plurale Ökonomik gibt.

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