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CAMPUS

Freiversuche an der UDE: Nur nicht für die Medizin

Die Ausgangslage für Prüfungen hat sich auch in der Medizin verändert.
[Foto: Sophie Schädel]

16.02.2022 15:33 - Saskia Ziemacki

An der Universität Duisburg-Essen (UDE) gibt es aufgrund der Corona-Pandemie eine Freiversuchsregelung für Prüfungen – jedoch nur für etwa 94 Prozent der Studierenden. Eine Fakultät wird außer Acht gelassen: Die Medizin. Senatsmitglied Leonie Hecken setzt sich für eine Änderung ein und bringt eine Diskussion mit dem Studiendekan der Medizin, dem Kanzler und Rektor der Uni ins Rollen. 

Die Prüfungsphase ist in vollem Gange. Ein Grund mehr, darauf aufmerksam zu machen, dass nicht alle UDE-Studierenden die gleichen Chancen haben. Für viele Medizinstudierende sorgt die Regelung, dass Freiversuche bei ihnen nicht gelten, für Unmut. Senatsmitglied Leonie Hecken bekommt durch Freund:innen und Bekannte aus der Medizin mit, dass sie sich unfair behandelt fühlen. Sie fragt bei der Senatssitzung nach: Wie kam es zu dieser Entscheidung? Leonie richtet sich direkt an den Kanzler, Jens Andreas Meinen, der die Ordnung zur Umsetzung der Corona-Epidemie-Hochschulverordnung (CEHVO) beschlossen hat. 

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Weder Herr Meinen noch Rektor Ulrich Radtke äußern sich zu der Frage. Sie leiten sie weiter an die Referentin des Hochschulrats, Frau Sabine Zix. Doch auch ihre Antwort ist ernüchternd, berichtet Leonie: „Sie hat das gesagt, was in der Umsetzungsordnung steht, dass es keine Freiversuche gibt, da die Approbationsordnung dem widersprechen würde.“ Doch was genau regelt die Approbationsordnung? Die „Approbationsordnung für Ärzte“ ist die deutschlandweite Regelung für Medizin-Studiengänge. Sie regelt Abschlussprüfungen, sogenannte Staatsexamen, alle anderen Prüfungen werden von der Universität geregelt. „Für diese restlichen Prüfungen ist also nicht einsehbar, warum die Approbationsordnung dem entgegenstehen sollte“, wundert sich Leonie. 

Einfach vergessen?

Da Leonie selbst keine Medizinstudentin ist, hält sie das Argument auf der Senatssitzung erstmal für plausibel. Denn auch ein Vertreter der Medizinischen Fakultät bekräftigt es: „In der Medizin gibt es besondere Regelungen, da sie auf ein Staatsexamen vorbereitet.“ Kevin Kaut studiert Medizin an der UDE und klärt auf: „Es gab zwei Semester lang eine Freiversuchsregelung. In der Hochphase, als alles im Lockdown war und die Uni online stattfand. Im Sommersemester 2021 gab es dann nur noch einen zusätzlichen Versuch, wenn man im letzten Versuch, also dem Viertversuch war.“ Leonie hakt nach und schaut sich an, warum es zu Beginn der Pandemie noch Freiversuche gab. „Die Medizinische Fakultät wurde in der ersten Umsetzungsregelung außenvorgelassen. Es wurden nur die Bachelor- und Masterstudiengänge geregelt. Mir schien es so, als hätte man sie einfach vergessen“, so Leonie. 

Das hatte eine andere Regelung zur Folge: In der CEHVO, die das Land NRW vorgibt, hieß es, wenn es keine Regelungen gibt, gilt die Freiversuchsregelung. „Als es zum ersten Mal Freiversuche gegeben hat, war es mehr oder weniger ein Versehen“, glaubt Leonie. Am 21. Dezember 2021 wurde die neue Ordnung zur Umsetzung der CEHVO von der Uni veröffentlicht, in der mit Verweis auf die Approbationsordnung die Freiversuche gestrichen wurden. „Sie wurde sehr schnell verfasst, da aufgrund der steigenden Corona-Fallzahlen darauf gedrängt wurde, Gremiensitzungen online stattfinden zu lassen“, erklärt Leonie. Denn die Umsetzungsordnung regelt alles, was sich aufgrund der Pandemie im Hochschulsystem ändert. 

Alles nur leere Argumente

„Wenn wieder eine neue Umsetzungsordnung erscheint, auch kurzfristig, haben wir den Anspruch, dass Studierende eingebunden werden“, fordert Leonie. Denn das sei beim letzten Mal nicht der Fall gewesen. So kam es zu einer Argumentation gegen Freiversuche, die für die meisten Studierenden nicht nachvollziehbar ist. „Ich verstehe, dass von Verwaltungsseite aus befürchtet wird, dass dadurch mehr Leute die Klausuren schreiben, weil sie sich sicherer fühlen. Und dass mehr Leute leere Klausuren abgeben, weil sie dann feststellen, dass sie nicht gut vorbereitet waren. Ich verstehe, dass man organisatorische Arbeit befürchtet, aber ich halte den Grund nicht für legitim“, sagt Leonie.

Das Medizinstudium sei so eng getaktet, erklärt Medizinstudent Kevin, dass niemand blauäugig in Prüfungen hineingehe: „Es ist wie Schule. Es läuft nicht so ab wie im Bachelor oder Master, wo man die Prüfungen egal in welchem Semester ablegen kann. Du musst im ersten Semester Physik, Biologie und Chemie machen, weil im zweiten Semester Biochemie und Anatomie ansteht. Wenn du Chemie nicht bestehst, darfst du Biochemie nicht machen. Das ist dann wie sitzenbleiben.“ Man bleibt jedoch nicht ein Semester sitzen, sondern zwei, weil die Prüfungen erst wieder in einem Jahr angeboten werden. 

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Der Prüfungsstress ist für Mediziner:innen noch größer geworden. [Foto: Lena Janßen]
 

Das Bestreben sei immer da, eine Prüfung zu bestehen, weiß auch Leonie: „Der Freiversuch soll nur helfen, wenn die Prüfung durch coronabedingte Gründe nicht bestanden wird.“ Denn Medizinstudierende sind wie alle Studierenden von der Pandemie betroffen. Nicht nur durch eine psychische Belastung, sondern auch durch die Veränderung des Lehrbetriebs, weiß Medizinstudentin Hanna: „Heute hatten wir Bio-Praktikum online. Das war nur eine Fragestunde. Eigentlich hätten wir Mäuse seziert. Das kann man überhaupt nicht miteinander gleichsetzen.“ Auch der Zeitaufwand hätte sich drastisch verändert, so Hanna: „Die Semester vor uns hatten beim Mikroskopierkurs zwei Vorlesungen pro Woche á 45 Minuten. Wir haben online Videos bekommen, die teilweise 90 Minuten gehen. Alles in allem wenden wir acht bis zehn Wochenstunden für den Kurs auf.“ Medizinstudent Daniel stimmt ihr zu: „Wir stecken mehr Zeit rein und es wird nirgendwo gegengerechnet, weil die Klausurregelung die gleiche ist. Eine Freiversuchsregelung wäre einfach nur gerecht und ein schönes Zeichen, dass die Uni an uns denkt und uns etwas zurückgibt. Das ist gerade nicht der Fall und das frustriert.“

Die Hoffnung bleibt

Durch einen Studierenden-Parlamentsbeschluss möchte Senatsmitglied Leonie ein Zeichen ans Rektorat setzen. Es wird solidarisch für alle dieselbe Behandlung gefordert. Da es bereits Freiversuche in der Medizin gegeben hat, sieht man, dass es möglich ist und der Approbationsordnung nicht widerspricht. „Wir haben ein positives Statement bekommen, dass die Gespräche fortgesetzt werden und hoffen, dass eine neue Regelung entweder rückwirkend oder schon für die nächsten Klausuren gelten kann. Das wäre der Anspruch“, so Leonie.

In einer Fakultätsratssitzung der Medizin verläuft die Diskussion ins Leere. Es wird sich zwar nicht mehr auf die Approbationsordnung berufen, aber mit einer fehlenden Qualität der Prüfungen argumentiert. Mit einer Mehrheit von zehn zu drei wurde letztendlich gegen Freiversuche gestimmt. Drei Mitglieder des Rates sind Studierende. „Wir können nur versuchen, auf dem Laufenden zu bleiben, beim nächsten Mal von Anfang an mitzureden und Mitbestimmung bei den Fakultätsräten einzufordern", sagt Leonie zuversichtlich. 

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