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CAMPUS

Es funkelt und glitzert in der Tiefsee

Antje Boetius ist Direktorin des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts,

Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI).

[Foto: AWI / Esther Horvath]

08.11.2021 14:11 - Özgün Ozan Karabulut

Schmelzende Polkappen, Meeresverschmutzung und Überfischung: Die Klimakrise hat extreme Auswirkungen auf die Meere. Antje Boetius ist Tiefseeforscherin und Meeresbiologin. Welche Eindrücke hat sie auf ihren Expeditionen in Arktis und Tiefsee gesammelt und wie kann das Klima besser geschützt werden?

ak[due]ll: Was fasziniert Sie an der Tiefsee, was ist Ihre Motivation?

Antje Boetius: Das Besondere an meiner Forschung in der Tiefsee ist das Abtauchen: sich selbst als Mensch zum Entdecker, zum Augenzeugen einer Welt zu machen, die uns insofern verschlossen bleibt, als dass wir die Tiere dort gar nicht nach oben holen können. Sie können die Oberfläche gar nicht ertragen.
Wenn man diese wahnwitzige Vielfalt und Schönheit des Tiefseelebens sehen und verstehen will, muss man wirklich zu ihnen abtauchen: ins U-Boot steigen, ausgesetzt werden, mit einem Kran vom Schiff ins bewegte Meer. Dann ist man immer froh, wenn man die ersten Meter hinter sich gelassen hat und nicht mehr so durchgeschaukelt wird.
Dann beginnt der Abstieg durch alle Farben von Blau, bis das letzte Licht schwindet und man in die ewig schwarze Welt eindringt. Dort begegnet einem das Leben erstmal auf eine ganz wundervoll merkwürdige Weise: Viele der Tiefseelebewesen leuchten durch die Kooperation mit Bakterien. Man ist dann fast wie im All - es funkelt und glitzert und die Bewohner der Tiefsee machen ein Feuerwerk für einen. Durch das Absteigen jenseits von 500 Metern bis in die tiefsten Tiefen, die man mit dem Forschungs-U-Boot erreichen kann - also ein paar Tausend Meter - fühlt man sich nicht nur als neugierige Forscherin, sondern auch als Entdeckerin von Lebensformen und Umwelten, die noch nie zuvor jemand gesehen hat. Das ist ein tolles Gefühl. Zum anderen sind wir Meeresforscher eine wichtige Stimme für den Ozean: Wir beobachten und zeigen auf, wie der Mensch ihn verändert, wie viel Plastikmüll es im Meer gibt, welche Folgen der Klimawandel hat. Unser Wissen trägt dazu bei, gesellschaftliche Aufmerksamkeit zu schaffen und Lösungen zu finden.

ak[due]ll: Was haben Tiefsee und Arktis mit uns zu tun und welche Rolle spielen sie für Klima und Ökosysteme?

Boetius: Die Algen an der Meeresoberfläche nehmen CO2 auf. Wenn sie sterben, werden sie von Krebsen und Fischen gefressen. Die Ausscheidungsprodukte sinken in die Tiefsee, wo sie den Boden bilden. So nehmen die Meere ein Drittel des menschengemachten CO2 auf. Außerdem könnte das fremde Leben in der Tiefsee irgendwann mal ganz wichtig für uns werden. Manche Stoffe könnten uns in der Medizin weiterhelfen. Und wenn ihr älter seid, könnte es vielleicht soweit sein, dass wir an Land nicht mehr genug Metalle für Autos, Windräder und Handys haben. Deshalb wollen viele Firmen die Metalle nun aus der Tiefsee holen. Wir forschen daran, ob das überhaupt möglich ist, ohne das Leben in der Tiefsee zu gefährden.
Für mich bleibt es essenziell, noch mehr über die Lebensvielfalt in den Ozeanen zu verstehen, über die Ausbreitung und Vernetzung von Lebensräumen, denn das sind die wichtigen Wissensgrundlagen für einen Schutz der Meere. Wie auch die Kenntnis von der natürlichen Dynamik in den Meeren und Polarregionen, um dann zu verstehen, welche Anpassungsfähigkeit es auf äußeren Druck wie Umweltverschmutzung und Klimawandel gibt.

 

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Die Tiefsee ist dunkel, viele Lebewesen wie Quallen leuchten. [Foto: pixabay]
 

ak[due]ll: Wie kann man sich die Arbeit einer Tiefsee-/Polarforscherin vorstellen?

Boetius: Die Arktis rund um den Nordpol ist Ozean mit einem Deckel aus Eisschollen obendrauf. Dort ist es sehr kalt, oft windig und ganz weiß – im Sommer ist es immer hell, auch nachts, aber man kann an vielen Tagen den Übergang zwischen Eis, Schnee und Wolken nicht unterscheiden. Bevor wir draußen Proben nehmen und Experimente durchführen, ziehen wir sehr warme Kleidung an und dicke Socken und Schuhe, das ist überlebenswichtig. Man muss auch Kopf und Gesicht bedecken, damit man nicht auskühlt. Egal ob an Land oder auf einem Forschungsschiff: Zu den Mahlzeiten kommen alle zusammen, oft mit großem Hunger von der Arbeit draußen. Wenn wir im Winter forschen, ist für Monate überhaupt kein Sonnenlicht da, aber manchmal scheint der Mond sehr hell. Im Winter ist es daher wichtig, bei der Arbeit Kopflampen zu tragen.

ak[due]ll: Ist es bereits zu spät für eine echte Trendwende, da Politik und Wirtschaft langsam und unzureichend reagieren?

Boetius: Ich denke schon, dass bei dieser und der nächsten Regierung Ehrgeiz vorhanden ist und sein wird, gemeinsam weiterzukommen. Aber gleichzeitig verletzen wir in zu vielen Bereichen des Klima-, Natur- und Umweltschutzes europäische Richtlinien. Zum Beispiel haben wir die „Natura 2000“-Richtlinien zum Schutz der Artenvielfalt nicht ausreichend umgesetzt. Wir haben nicht den guten Meereszustand erreicht, den wir schon 2020 hätten haben wollen. Und wir haben bei den ehrgeizigen Klimazielen nicht den Ausbau der regenerativen Energien erreicht, den wir bräuchten.

Es ist also ein sehr zwiespältiges Verhältnis: Auf der einen Seite wird Deutschland international als zentraler Akteur wahrgenommen. Durch unsere Wirtschaft, den erfinderrischen Mittelstand und die hervorragende Ingenieursausbildung spielen wir in globalen Innovationsketten noch eine wichtige Rolle. Aber in Gesprächen – zum Beispiel im Hightech Forum – kommt auch ein großes Bedauern heraus, dass wir zu spät in Richtung Nachhaltigkeit unterwegs sind und damit Innovationsvorsprung verloren haben. 
Ökologische Entwicklung muss mit sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung einhergehen, und das auf internationalem Niveau. Wir brauchen einen politischen und ökonomischen Rahmen, der klimaneutrales und umweltfreundliches Verhalten einfacher macht und belohnt. Noch ist es so, dass es bei allem was wir tun immer einfacher und günstiger ist, noch mehr CO2 in die Atmosphäre zu pumpen und nicht in Kreisläufen zu wirtschaften.

ak[due]ll: Was löst es in Ihnen aus, wenn Sie das gestiegene Interesse junger Menschen an Umweltthemen sehen?

Boetius: Die Kinder fordern uns Erwachsene mit Nachdruck zum Handeln auf, und das ist richtig so. Mit unserer Forschung können wir dabei klar aufzeigen, um was es für die Küsten, Ozeane und Polarregionen geht und damit auch für uns und künftige Generationen.
Um die Meere zu schützen, müssen wir besser aufpassen, wie viel Fisch wir aus den Meeren nehmen, wie viel Aquakultur wir uns leisten können. Vor allem müssen wir die Nutzung fossiler Brennstoffe zurückfahren, aus denen das CO2 entsteht, das sich in der Atmosphäre ansammelt und die Erderwärmung verursacht. Die Meere werden sonst zu warm und zu sauer, weil sie CO2 aufnehmen. Wir müssen also für den Schutz der Meere das Energiesystem umbauen, die Landwirtschaft, den Verkehr, und besser mit den Erdressourcen insgesamt umgehen. Von der bloßen Erkenntnis zur Handlung zu kommen und umzusteuern, das ist das, was zählt. Besonders beeindruckt hat mich die Fridays for Future-Bewegung, der sich immer mehr Kinder und Jugendliche anschließen. Die jungen Menschen haben verstanden, was viele Erwachsene noch immer nicht wahrhaben wollen: Klima-, Umwelt- und Naturschutz sind zentrale Herausforderungen, die wir jetzt angehen müssen und nicht auf später verschieben können. Wir Wissenschaftler von Scientists for Future unterstützen diese Forderung. Wir brauchen große Lösungen, die uns die Politik organisieren muss – aber es kann auch jeder von uns schon jetzt etwas beitragen, vor allem durch Fragen stellen, aber auch durch unser Verhalten im Alltag.

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