Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

CAMPUS

Das Unsichtbare sichtbar machen: Online-Ausstellung der UDE

Wir sehen Bilder und die Geschichten dahinter. [Bild: Dr. Alpo Honkapohja]

07.02.2022 15:57 - Saskia Ziemacki

Eine Online-Ausstellung der Universitätsbibliothek Duisburg-Essen (UB) zeigt Kunst über die Höhen und Tiefen im Leben mit Typ 1 Diabetes. Es werden Porträts des Sprachwissenschaftlers und Künstlers Dr. Alpo Honkapohja (Universität Oslo) und Comics von Alex Lorson (University of Edinburgh) ausgestellt. Sie nutzen die Geschichten von 16 Personen, die Dr. Mirjam Eiswirth im Kontext ihrer Promotion eingeladen hat, um Erfahrungen aus ihrem Leben mit Typ 1 Diabetes zu teilen.

„Ich habe ein wissenschaftliches und persönliches Interesse an medizinischen Bereichen wie Diabetes. Einerseits als jemand, der selbst forscht, andererseits als jemand, der auch mit Typ 1 Diabetes lebt“, erzählt die Sprachwissenschaftlerin Dr. Mirjam Eiswirth bei einem Vortrag zur Ausstellung. Im Zuge ihrer Dissertation entstehen Mini-Portraits der Teilnehmenden und damit auch die Idee, eine künstlerische Bearbeitung der Einzelgeschichten zu finden. Die Ausstellung kann auf der Homepage der UB angesehen und angehört werden.

Ein STOPOVER in die Digitalfotografie

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In der Dissertation selbst geht es um Rückmeldesignale beim Zuhören. Wie ändert sich eine Geschichte, je nachdem, wie die andere Person zuhört oder wie ihr Wissensstand ist? Eine große Herausforderung für Sprachwissenschaftler:innen ist dabei das sogenannte „Observer‘s Paradox“. „Wenn ich Ihnen ein Headset aufsetze und Ihnen Fragen stelle oder Sie mir etwas erzählen sollen, werden Sie sich anders sprachlich verhalten, als wenn Sie mit Freunden oder Familie sprechen“, erklärt Eiswirth. Damit die Teilnehmenden sich unbeobachtet fühlen, sollen sie mit anderen Personen über eine ähnliche Lebenssituation sprechen. Sie sollen die innere Motivation haben, über ein Thema zu sprechen: Ihr Leben mit Diabetes.

„Alle haben im Nachhinein gesagt, sie hätten nie gedacht, dass es darum geht, wie sie sprechen. Da habe ich gemerkt, man kann ein sozial relevantes Thema nehmen und in die sprachwissenschaftliche Analyse einbinden“, so Eiswirth. Sensible und emotionale Daten müssen jedoch erstmal verarbeitet werden, auch von der Sprachwissenschaftlerin selbst: „Ich musste mich reflektieren, meinen Stand als Wissenschaftlerin, sodass ich die Analyse mit der nötigen Distanz durchführen konnte.“ Die Themen, um die es in der Analyse geht, sind zum einen „Clinical Outcomes“, Blutzuckerwerte, Gewicht oder andere medizinische Faktoren. Zum anderen das „Daily Life“, alles was mit dem Alltag zu tun hat. Aber auch Emotionen über Mentale Gesundheit sowie Technologie, bei einer Krankheit, bei der viel Management nötig ist, spielen eine eine Rolle. Visuelle Kunst sei ein gutes Medium, um die verschiedenen Themen übereinanderzulegen und für alle zugänglich zu machen, so Eiswirth.

Das Leben mit Diabetes: Ich bin nicht allein

Noch bis vor 100 Jahren sind Menschen an Diabetes gestorben. Seit es Insulin verabreichbar durch eine Spritze gibt, überleben Menschen mit der Krankheit, haben aber viel Arbeit damit. Sie müssen ständig darüber nachdenken, wie ihre Zuckerwerte sind, wann sie sich zuletzt bewegt oder gegessen haben. „Bevor ich angefangen habe, hier zu sprechen“, erzählt Eiswirth, „habe ich nochmal meinen Zucker gecheckt. Beim Sprechen überlege ich: ‚Wie fühlen sich meine Knie an?‘ oder ‚kriege ich noch einen geraden Satz raus?‘ Diese Prozesse laufen ständig im Hintergrund mit.“ Und die Prozesse sieht niemand. Im Comic können sie sichtbar gemacht werden.

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Orangensaft kann Leben retten [Bild: Alex Lorson]


Die Geschichte beschreibt eine Situation im Leben der jungen Ärztin Lily. Sie fährt immer mit dem Fahrrad zur Arbeit. In der Fahrradtasche hat sie ein Päckchen Orangensaft, falls der Zuckerspiegel zu tief ist und sie Zucker braucht. Eines Tages stiehlt jemand diesen O-Saft. Sie ist wütend und schreibt einen Zettel, auf dem steht: „Bitte nicht entwenden, dieser Saft könnte mein Leben retten.“ Auf jedem Bild ist rechts oben eine Glukosekurve abgebildet und links oben eine Ansammlung an Gedankenpunkten wie Spritzen, Bewegen und Essen, die in die Berechnung des Tages einfließen müssen.

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„Werde ich zum Cyborg?” [Bild: Dr. Alpo Honkapohja]


Die Portraits zeigen die Menschen mit Diabetes an einem hellen Leuchten um sie herum. Bei allen ist die Stimmung eine ganz andere. Zitate zu den Bildern der Teilnehmenden Personen kann man in der Online-Ausstellung lesen und anhören. So sagt eine Teilnehmerin: „Die Insulinpumpe hat mir ganz viel Lebensqualität zurückgegeben.“ Eine andere hingegen: „Ich fühle mich von dem Gerät abhängig.“ Eiswirth erzählt von einer Geschichte, die ihr immer wieder wehtut: „Sie handelt von einer Mutter, die mit einer neuen Insulinpumpe nach Hause kommt. Der Sohn sieht sie und sagt: ‚Mama, du wirst so langsam zu einem Roboter.‘“ Alle Teilnehmenden sind sich jedoch in einem Punkt einig: Sie haben sich oft allein, isoliert oder anders gefühlt. Diabetes fällt in die Kategorie „unsichtbare Krankheiten“. Mit der Ausstellung „Making the Invisible Visible“ sollen Betroffene gesehen und gehört werden. Menschen mit Diabetes sollen merken, ‚ich bin nicht allein‘.

 

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